Das kleine Cottage 
in Upper Hillford

Leseprobe

Created with Sketch.

Kapitel 1

Thea

Wer zur Hölle war der Erste, der Seegras gesehen und sich dabei gedacht hatte ›Oh, das sieht aber lecker aus‹? Denn ich konnte beim besten Willen nicht verstehen, was an schleimigen grünen Algen appetitlich sein sollte.

Es war nicht so, dass ich kein großer Fan von Meeresfrüchten war. Im Gegenteil, ich liebte Garnelen und Tintenfisch. Meine beste Freundin Elena war diejenige, die sich weigerte, sämtliche Schalentiere auch nur anzufassen. Sie hasste es, wie sie aussahen, wie sie rochen und allein die Vorstellung, sie zu essen. Mir war das alles egal. Aber dieses Grünzeug …

»Warum müsst ihr nur so … schleimig sein?«, fragte ich niemand Bestimmten, während ich vorsichtig ein paar davon aus ihrem Wasserbad holte und zum Abtropfen in ein Sieb tat. Der penetrante Geruch nach Meerwasser hätte nett sein können – wenn er nicht von dem Essen gekommen wäre, das ich in ein paar Minuten würde herunterwürgen müssen. Das Gesicht zu einer Grimasse verzogen trocknete ich den Rest der eingeweichten Algen. Erst dann warf ich einen Blick auf die Uhr über dem breiten Kücheneingang und runzelte die Stirn.

Marc war spät dran.

Normalerweise kam er jeden Tag pünktlich um 12:30 Uhr nach Hause, um seine Mittagspause mit mir zu verbringen. Zumindest hatte er das in den letzten sechs Wochen getan. Das war schließlich der Grund, warum ich gerade in meiner Küche stand und Suppe mit schleimigen Algen zubereitete, anstatt etwas zu essen zu holen, das weder grün noch gesund war und auch nicht so roch, als hätte es ein Fischkutter gerade auf meinen Teller geladen.

Ich war leicht zufriedenzustellen. Ich mochte Pizza. Wenn es dann noch Extrakäse und ein paar scharfe Chiliflocken oben drauf gab, dann war ich wirklich glücklich.

Oh, und eine Diät-Cola. Oder zwei. Oder vielleicht drei.

Okay, vielleicht war ich also nicht gerade ein Vorbild für gesunde Ernährung, aber wer könnte es mir verübeln? In meiner Branche zählte jede Minute. Ich arbeitete mindestens sechs Tage die Woche, rannte quer durch die Stadt und erfüllte Aufträge, von denen einer seltsamer als der andere war.

Diese Begonien müssen genau denselben Blauton wie die Papiertaschentücher haben!

Der Kuchen muss glutenfrei, laktosefrei und vegan sein. Und vergiss bloß die zusätzliche Schokoladenglasur oben drauf nicht!

Mein perfektes Kleid muss sich anpassen können. Es soll lang für die Zeremonie sein, mittellang für die Fotos und kurz zum Tanzen!

Hach, ja. Und all das im Namen der Liebe.

Oh, ich vergötterte meinen Job. Ich wollte mir mein Leben gar nicht ohne ihn vorstellen. Und ich liebte Hochzeiten. Bräute allerdings … nicht ganz so sehr. Für die Arbeit mit Bridezillas brauchte ein Mädchen nun mal seine Kohlenhydrate, oder? Das war nachvollziehbar. Zumindest für die meisten Menschen. Für Marc … nicht ganz so. Schon bei unserem allerersten Date hatte er mich angesehen, als hätte ich ein Eichhörnchen ermordet, als ich mich für ein Steak mit Pommes anstatt für einen Salat entschieden hatte. Für jeden anderen wäre das wohl eine typische Red Flag gewesen. Aber für mich war es okay. Marc war es wert gewesen.

In dem Moment, in dem ich ihn zum ersten Mal gesehen hatte, hatte ich sofort eine Verbindung zu ihm gespürt. Etwas in mir hatte Klick gemacht, und ich wusste, dass er der Mann war, auf den ich gewartet hatte. Anders konnte es doch nicht sein, oder? Nach zwei Fehlschlägen allein in diesem Jahr musste er der Mann sein, der es wert gewesen war, das durchzumachen. Gut, das hatte ich bei meinen anderen Beziehungen auch gedacht. Ich war nicht gerade ein Beziehungsprofi, und das war offensichtlich. Meine Erfolgsbilanz war mies.

Aber ich mochte ihn wirklich. Marc war gut aussehend und erfolgreich. Und er schien mich auch zu mögen, sonst hätte er mich schließlich nicht um ein zweites Date gebeten.

Und jetzt waren wir sechs Wochen zusammen, und es lief super. Zumindest, wenn er nicht zu spät kam. Noch einmal sah ich auf die Uhr, aber die Zeit hatte sich nicht auf magische Weise zurückgedreht. Ich zog mein Handy aus der Hosentasche und runzelte die Stirn, als ich eine Nachricht von Marc bemerkte, die nur wenige Minuten zuvor eingetroffen war. Warum hatte er nicht einfach angerufen? Stattdessen hatte er eine Sprachnachricht geschickt. Der Fluch der modernen Technologie, wenn man mich fragte.

Meine Finger zitterten leicht, als ich die Play-Taste drückte.

»Hey, Thea!« Seine Stimme klang atemlos und irgendwie … ausgelassen? »Ich wollte dir nur sagen – sei still, Babe, lass mich das hier nur schnell fertig machen.«

Babe? Eine dunkle Vorahnung schnürte mir die Luft ab, und das Atmen fiel mir immer schwerer. Ein weibliches Kichern im Hintergrund verstärkte das Gefühl, dass hier etwas ganz und gar nicht stimmte. »Weißt du, die letzten sechs Wochen waren wirklich schön, aber –«

»Mach schon, Marc«, unterbrach ihn die weibliche Stimme in einem jammernden Tonfall. »Willst du dir nicht dein Dessert holen?«

Übelkeit stieg in mir auf, als ich langsam zu begreifen begann, was hier passierte. »Nun, weißt du, es hat Spaß gemacht, oder?«, fuhr Marc fort und sprach plötzlich viel schneller. Es war eindeutig, dass er es eilig hatte.

»Maaarc«, klagte die Frau erneut, und am liebsten hätte ich mein Handy gegen die Wand geworfen, nur um sie zum Schweigen zu bringen.

»Aber weißt du, die Sache ist –«

»Schatz, das Eis schmilzt«, mischte sich die Frau aus dem Hintergrund wieder ein, und mit jeder Sekunde wollte ich diese Nachricht weniger zu Ende anhören. Aber ich musste. Ich brauchte die Gewissheit, dass er gleich das sagen würde, was ich befürchtete.

»Fuck, okay, ich komme gleich.«

»Beeil dich!«

»Okay, okay. Wie auch immer, weißt du, wir hatten Spaß und alles, aber, Thea … Die Sache ist die, du bist nicht wirklich das, wonach ich suche, weißt du? Aber hey, es war nett. Und wir sehen uns doch, oder? Ich meine, wir sind Nachbarn und so. Nur, na ja, nicht mehr als das, weißt du? Also, ja. Das wollte ich nur kurz loswerden. Wir sehen uns! Ich komme, Babe!«

Damit endete die Sprachnotiz und ließ mich fassungslos zurück.

Was. Zur. Hölle?

Ich starrte die Suppe an, als wäre sie an allem schuld, und war nahe dran, sie gegen die Wand zu werfen.

Diese blöde, schleimige, grüne Algensuppe.

Dieser heuchlerische, betrügerische, nichtsnutzige Hurensohn!

Eine Träne lief mir über die Wange, und ich wischte sie wütend weg. Wie konnte ich ihm hinterherweinen? Er verdiente meine Tränen nicht. Weder meine Tränen noch meine Zeit noch diese verdammte Algensuppe.

Das änderte jedoch nichts an dem Gefühl, als wäre mein Herz zum wiederholten Male in seine Einzelteile zersprungen. Hatte ich Anzeichen übersehen und mich einfach wieder kopfüber in etwas gestürzt, das ja doch nie eine Zukunft gehabt hatte?

Mit einem Knurren nahm ich die Schüssel und leerte den Inhalt, ohne nachzudenken, in der Spüle aus. Die grüne Suppe vermischte sich mit dem schmutzigen Geschirr, das ich seit Tagen abwaschen wollte, und bildete eine ekelhaft schleimige Masse.

Genau wie mein verdammtes Leben.

Ich ließ mich auf den Küchenstuhl sinken und versuchte, die Schluchzer in Schach zu halten, aber ich hatte keine Chance. Meine Schultern zitterten vor Anstrengung, während ich heulte wie ein Schlosshund.

Er hatte recht. Die letzten sechs Wochen hatten Spaß gemacht. Wir hatten eine tolle Zeit gehabt. Und wie immer hatte sich mein Kopf in Millionen Was-wäre-wenn-Szenarien verstrickt.

Was, wenn er der Eine war?

Was, wenn das hier der Jackpot war?

Was, wenn ich endlich den Mann gefunden hätte, auf den ich immer gehofft hatte?

Ich hätte es besser wissen müssen. Natürlich hätte ich es besser wissen müssen. Aber mein Herz war schon immer zu optimistisch gewesen. Wie auch nicht? Die Liebe war buchstäblich mein Job.

Es spielte keine Rolle.

Nichts davon spielte eine Rolle.

Es spielte keine Rolle, dass er sich ein wenig über mich und meine Ernährung geärgert hatte.

Es spielte keine Rolle, dass seine Stimme manchmal ein wenig herablassend geworden war, auch wenn es nie genug gewesen war, um mich wirklich zu treffen.

Es spielte keine Rolle, dass ich den ganzen Tag zuvor überhaupt nichts von ihm gehört hatte und seine Ausrede gewesen war, dass er bei einem Meeting war.

Es spielte keine Rolle. Jetzt nicht. Nicht mehr.

Nicht jetzt, da ich wusste, was wirklich los war. Jetzt war alles so schmerzhaft offensichtlich.

›Es ist in Ordnung, Thea. Du wirst einen Besseren kennenlernen. Es gibt da draußen den perfekten Mann für dich. Nur eben nicht dieser.‹

Die Worte meiner Mutter, die sie mir bereits in der Highschool mehr als einmal tröstend zugemurmelt hatte, gingen mir durch den Kopf. Und der verletzte, zynische Teil von mir hielt das mittlerweile alles für Unsinn. Wenn es den perfekten Mann für mich gab, warum hatte ich ihn noch nicht getroffen? Meine Firma veranstaltete etwa fünfundzwanzig Hochzeiten im Jahr und fast siebzig Prozent der Bräute waren jünger als ich. Ich hätte inzwischen mindestens eine eigene Hochzeit haben sollen.

Dass das bisher noch nicht eingetroffen war, hatte einen einfachen Grund.

Ich war eine Niete, wenn es um Männer und Beziehungen ging. Eine hoffnungslose Romantikerin in einer Welt voller Pragmatiker und Opportunisten.

Das Vibrieren meines Handys riss mich aus meinen Gedanken. Eine Erinnerung daran, dass sich meine Mittagspause dem Ende neigte und ich zurück an die Arbeit musste. Zurück in eine Welt voller Liebe und Freude. Und zurück in eine Welt voller glücklicher Paare.

Ich seufzte.

Jetzt war nicht die Zeit für Selbstmitleid. Es war an der Zeit, die fröhliche Thea zu spielen. Die, deren Herz nicht gerade zum dritten Mal in diesem Jahr gebrochen worden war.

***

Drei Stunden später bereute ich es aus tiefstem Herzen, mich nicht einfach krankgemeldet zu haben. Nicht, dass das wirklich eine Option gewesen wäre. Als selbstständige Hochzeitsplanerin zu arbeiten, bedeutete eben genau das – selbst und ständig arbeiten, trotz der Unterstützung, die ich dank meiner Mitarbeiter hatte.

Ich saß an meinem Schreibtisch, einen Stapel ungeöffneter Briefe vor mir. Normalerweise mochte ich es, personalisierte Dankesbriefe zu schreiben. Normalerweise. Heute hätte ich sie jedoch liebend gern zerrissen und daraus ein paar Konfettibomben für Marc gebastelt. Der Gedanke an das Chaos, dass die kleinen Papierfetzen in seiner blitzsauberen Wohnung hinterlassen würden, hob meine Mundwinkel ein klein wenig.

»Hier«, sagte Mandy, unsere neue Praktikantin, und schob mir eine Pralinenschachtel entgegen. »Die sind vom Brautpaar der letzten Hochzeit.«

»Oh«, brachte ich hervor und zwang mich zu einem Lächeln. Zucker war gut. »Danke schön.«

»Geht es dir gut?«, fragte sie und setzte sich auf die Kante meines Schreibtischs. Ganz offensichtlich hatte sie nicht vor, mich innerhalb der nächsten Minuten allein zu lassen. Nicht, dass ich etwas gegen Gesellschaft hatte. Normalerweise. »Du scheinst ein wenig … niedergeschlagen zu sein.«

»Mir geht’s gut«, entgegnete ich, den Blick auf den Stapel Briefe vor mir gerichtet. Obwohl die entsprechende Hochzeit für uns aus wirtschaftlicher Sicht ein großer Erfolg gewesen war, verfluchte ich das Brautpaar in Gedanken dafür, so einen großen Bekanntenkreis zu haben. Hätten sie nicht einfach nur ein paar Freunde haben können und fertig? Der Gedanke, jedem Absender zu versichern, wie unfassbar glücklich das Paar war und wie sehr es sich über die Glückwünsche freute, erschien mir in diesem Moment wie eine unmögliche Aufgabe. Ich konnte ja nicht einmal meine Angestellten überzeugen, dass es mir gut ging, zumindest wenn ich Mandys zweifelnden Blick richtig deutete.

»Wirklich? Du siehst nämlich aus, als hättest du geweint. Geht es um einen Typen?«

Für einen Moment schloss ich die Augen und zwang mich dazu, tief durchzuatmen. Es hatte keinen Sinn zu lügen. »Ja.«

»Ich wusste es! Wer ist es? Dieser Lackaffe?«

»Wen meinst du?«

»Dieser Lackaffe. Ich habe euch beide ein paarmal zusammen gesehen. Ich wollte nicht zu viel reininterpretieren, aber na ja, ihr saht aus wie ein Pärchen. Und kein glückliches.«

Trotz meines inneren Aufruhrs schnaubte ich. »Wir waren kein Paar. Nicht wirklich. Offenbar hatten wir nur ein bisschen ›Spaß‹. Das hat er zumindest gesagt.«

»Arschloch«, murmelte sie, griff sich den Brieföffner und schlitzte den obersten Briefumschlag auf. Dabei fiel ihr eine ihrer knallpinken Haarsträhnen ins Gesicht, die sie sich wieder hinters Ohr strich. Obwohl ich meine roten Haare mochte, bewunderte ich Mandy für diese mutige Farbe. Überrascht war ich auf jeden Fall nicht gewesen, als sie keine drei Wochen nach ihrem Praktikumsbeginn mit der neuen Frisur im Büro aufgetaucht war. Von den Overknee-Stiefeln in Lackoptik bis zu den kurzen pelzbesetzten Mäntelchen legte es alles an Mandy darauf an, aufzufallen.

»Warum hattest du überhaupt ›Spaß‹ mit ihm?«, fragte sie mich nun.

Stirnrunzelnd sah ich ihr dabei zu, wie sie den Brief entfaltete und dann beiseitelegte, ehe sie sich den nächsten griff. »Was meinst du?«, fragte ich verwirrt. »Er sieht gut aus und ist erfolgreich. Warum hätte ich keinen ›Spaß‹ mit ihm haben sollen?«

»Gegenfrage: Wie oft hat er sich nach deinem Arbeitstag erkundigt? Oder angeboten, dich irgendwie zu unterstützen? Hat er dir je das Gefühl gegeben, mit all deinen Problemen zu ihm kommen zu können?«, wollte Mandy in herausforderndem Ton wissen. Als ich spürte, wie meine Wangen sich erhitzten, nickte sie. »Das dachte ich mir. Und ich wette, er bügelt sogar seine Unterhosen, oder?«

Sogar seine Socken, doch das behielt ich besser für mich. »Er hat viel zu tun, da erwarte ich gar nicht, dass er … egal. Außerdem arbeitet er in einem Büro, da muss er ordentlich aussehen«, machte ich einen schwachen Versuch, ihn zu verteidigen.

»Oh?« Sie hob eine feingezupfte Augenbraue. »Irgendwo Interessantes?«

Ich räusperte mich. »In der Poststelle«, nuschelte ich, und meine Wangen wurden noch heißer.

»O ja, da sind gebügelte Unterhosen wirklich wahnsinnig wichtig«, gab Mandy spöttisch zurück. »Warum bist du mit ihm ausgegangen?«

»Ich … Er schien die richtige Wahl zu sein.« Die unerwartete Frage warf mich aus der Bahn. Das ganze Gerede von ›Spaß‹ hatte mich in Sicherheit gewogen, nur damit Mandy sich unbemerkt an die harten Themen herantasten konnte.

»Schien? Aber er war es nicht wirklich?«

»Offenbar nicht«, brummte ich. »Hör mal, ich bin wirklich nicht in der Stimmung, darüber zu reden, okay? Es ist eben passiert, und damit hat es sich.«

»Okay.« Ich kannte Mandy mittlerweile gut genug, um zu erkennen, dass sie noch mehr sagen wollte. Aber was auch immer es war, sie behielt es für sich, und dafür war ich ihr dankbar. So sehr ich sie auch mochte, ich hatte keine Lust, einer einundzwanzigjährigen Praktikantin meine Beziehungsprobleme zu erklären.

»Also«, fragte sie nach ein paar Minuten des Schweigens, »was ist der nächste Schritt?«

»Was meinst du?«

»Der nächste Schritt. Wie geht es jetzt weiter? Du weißt schon, nach dem Lackaffen.«

»Ich … weiß es nicht«, gab ich zu. »Momentan bin ich mir nicht einmal sicher, ob es überhaupt einen nächsten Schritt gibt.« Das war nur die halbe Wahrheit. Es war nicht so, dass ich Marc tatsächlich geliebt hatte. Ich mochte ihn, und ich hatte mir mehr erhofft – viel mehr, wenn ich ehrlich mit mir selbst war. Aber während ein Teil von mir dem nachtrauerte, was wir hätten haben können, war der Rest von mir bereits auf bestem Weg, ein neues Traumschloss hoch oben in den Wolken zu bauen. Traumprinz unbekannt, Stellenausschreibung hochgeladen.

»Natürlich gibt es den«, entgegnete Mandy empört. »Das ist doch der ganze Sinn beim Daten. Du gehst einfach raus, triffst jemand Neuen und zack, fertig. Der nächste Schritt.«

Ich lachte kopfschüttelnd.

»Du hast leicht reden. Du bist jung. Die Männer werfen sich dir an den Hals.«

»Tun sie nicht«, gab Mandy ebenfalls lachend zurück. »Und selbst wenn. Das wäre auch egal. Das sind nicht die Richtigen für mich. Ich bin wählerisch. Das solltest du auch mal probieren.«

»Was?« Verwirrt kniff ich die Brauen zusammen, während ich versuchte, ihren Worten zu folgen.

»Wählerisch zu sein. Hör auf, dich auf den Erstbesten einzulassen. Nimm nicht einfach irgendeinen Typen, nur weil du denkst, das wäre die richtige Entscheidung. Nimm den Mann, der dein Herz hüpfen lässt oder so was in der Art. Und wenn das nicht klappt, dann war er nicht der Richtige. So einfach ist das.«

Nachdenklich starrte ich auf den langsam kleiner werdenden Stapel Briefe vor mir. Während ihrer kleinen Rede hatte Mandy einen nach dem anderen geöffnet, die Zeilen überflogen und ihn auf einen anderen Stapel gelegt. Ich fragte mich, ob das nur die jugendliche Naivität war, die aus ihr sprach. Würde sie in ein paar Jahren anders denken? Stirnrunzelnd musterte ich sie, musste mir dann jedoch eingestehen, dass das eher unwahrscheinlich war. Mandy war zu unabhängig, zu stolz und hatte seit dem Tag, an dem ich sie kennengelernt hatte, älter gewirkt, als sie eigentlich war. Vermutlich war das der Grund, weshalb ich sie und nicht eine der anderen Bewerberinnen eingestellt hatte.

Nach mehreren Augenblicken des Schweigens stellte ich schließlich die Frage, die mir die größten Bauchschmerzen bereitete: »Aber was ist, wenn man nie den Richtigen findet?«

»Dann findest du ihn eben nicht.« Mandy zuckte mit den Schultern.

Fassungslos starrte ich sie an. Die Idee, nie den Richtigen zu finden, war … niederschmetternd. Trotz all der Trennungen, die ich in diesem Jahr durchgemacht hatte, war ich stolz darauf, sagen zu können, dass ich es immer noch für möglich hielt, meinen Seelenverwandten zu finden. Auch wenn sich Marc als Arsch entpuppt hatte. Es würde etwas dauern, bis ich wieder so weit war, aber ich kannte mich gut genug, um zu wissen, dass Dating nur wieder in einem Kreis aus Hoffnungen und Niederschlägen, falls – oder eher wenn – es mal wieder nicht klappte, enden würde. Aber einfach zu akzeptieren, dass ich nie jemanden finden würde …

»Ist das nicht wie … aufgeben?«, fragte ich vorsichtig.

»Nee. Es ist eher eine bewusste Entscheidung.«

Ich schüttelte den Kopf. »Das passt einfach nicht zu mir. Ich bin Optimistin. Schon immer gewesen. Ich glaube, dass es für jedes Problem eine Lösung gibt. Selbst die scheinbar unlösbaren.«

»Und das ist toll«, stimmte mir Mandy zu. »Aber was ist die Alternative? Einfach jeden einzelnen Kerl willkommen heißen, der durch die Tür kommt und dir am Ende das Herz brechen wird?«

»Mmh, wer weiß? Vielleicht treffe ich heute den Mann meiner Träume. Er könnte genau in diesem Moment durch die Tür kommen und hinreißend und freundlich und süß sein. Er wird ein Gentleman sein und mich mit dem Respekt behandeln, den ich verdiene.«

Mandy verdrehte die Augen, aber ich achtete nicht auf sie. Ich war zu beschäftigt damit, die Tür zu beobachten.

»Und er wird die schönsten blauen Augen haben. Wie das Meer. Oder der Himmel. Und sie werden aufleuchten, wenn er mich sieht. Und er wird sich wahnsinnig in mich verlieben. Genau wie ich in ihn. Und wir werden den Rest unseres Lebens zusammen verbringen, alt werden und glücklich und verliebt sein. So, wie es sein sollte.«

»Wenn du das sagst«, schnaubte Mandy und erhob sich. »Sei einfach nicht enttäuscht, wenn –«

Bevor sie ihren Satz beenden konnte, wurde es auf dem Flur vor meiner Bürotür laut. Nur Sekunden später preschte ein grau-weißer Hund mit babyblauen Augen herein und direkt auf mich zu.

»Dixon!« Ein Grinsen breitete sich auf meinem Gesicht aus, als der Hund seine Pfoten auf meine Oberschenkel legte, um sich nach oben zu drücken, und versuchte, mein Gesicht abzulecken. Lachend vergrub ich meine Hände in seinem dicken Fell, bevor ich Mandy ansah. »Siehst du? Ich habe dir ja gesagt, ich würde einen Mann mit den schönsten blauen Augen finden!«

»Ich glaube, unsere Definitionen von ›Mann‹ gehen etwas auseinander«, antwortete Mandy trocken, woraufhin ich noch mehr lachen musste.

»Ach, komm schon. Dixon ist süß! Nicht wahr, Dix? Ja, du bist so ein guter Junge!«

Der Hund bellte und wedelte dabei so heftig mit dem Schwanz, dass sein ganzer Körper wackelte.

»Siehst du? Er liebt mich. Was meinst du, Kumpel? Du wirst der Mann meiner Träume sein, nicht wahr? Und wo ist eigentlich deine Besitzerin, Dix? Hast du sie auf dem Weg nach oben verloren, oder konntest du es einfach nicht erwarten, mich zu sehen?«

»O Gott. Du bist verrückt geworden.« Mandy schüttelte den Kopf.

»Unsinn.« Grinsend kraulte ich den Hund hinter den Ohren.

»Wenn du meinst. Ich werde jetzt wieder an die Arbeit gehen.«

Ich lächelte Mandy zu. »Alles klar. Aber würdest du die Briefe mitnehmen? Ich habe dafür heute einfach keinen Kopf.«

»Kein Problem«, sagte sie und griff sich sowohl den Stapel mit den bereits geöffneten als auch die wenigen ungeöffneten Briefumschläge. »Viel Spaß mit deinem Mann. Vielleicht wird er dich endlich zum Abendessen ausführen.«

»Wenn nicht, gibt es Pizza. So oder so ist es eine Win-win-Situation.«

»Wenn du das sagst.« Lachend verließ sie mein Büro. Nur Sekunden später stand eine rotgesichtige, verschwitzte Carly, die Fotografin meiner kleinen Wedding Planner Agentur, keuchend in meiner Tür. Augenblicklich rannte Dixon zu seiner Besitzerin und schlängelte sich zwischen ihren Beinen hindurch. Trotz des Stichs, den ich bei seinem Verlust verspürte, musste ich über seine Albernheiten grinsen. »Man könnte meinen, er hätte dich seit Ewigkeiten nicht gesehen.«

»Du kennst Dixon doch. Er übertreibt gern. Tut mir leid, dass er dich gestört hat. Ich habe keine Ahnung, wie er diesmal abgehauen ist.«

Ich winkte ab. »Dixon ist hier immer willkommen, das weißt du doch.« Mit dem Husky hatte ich zumindest ein männliches Wesen in meinem Leben, das mich schätzte, auch wenn ich ahnte, dass ich mir seine Liebe eher mit den Snacks in meiner Schreibtischschublade erkauft hatte als dank meiner Persönlichkeit. Aber wen interessierten schon solche Details?

E-Book vorbestellen

Created with Sketch.

Wenn die perfekte Fake-Beziehung plötzlich zwei Herzen berührt …

Eine gefühlvolle Liebesgeschichte an der idyllischen Küste Englands

Thea glaubt fest an die wahre Liebe, weshalb für die Verlobungsfeier ihrer besten Freundin nur der absolut perfekte Ort in Frage kommt – romantisch, gemütlich und unvergesslich. Gerade als die Wahl auf ein kleines Bed & Breakfast in der malerischen Küstenstadt Upper Hillford fällt, drohen Theas Pläne allesamt zu scheitern. Denn dort gerät sie mit dem zynischen Owen aneinander, der das komplette Gegenteil der lebenslustigen Thea ist. Und ausgerechnet Owen kümmert sich um die Traumlocation, während seine Großmutter im Krankenhaus ist. Und genau dieser Großmutter hat Owen seit Monaten vorgegaukelt, dass er eine Freundin hat, die sie nun unbedingt kennenlernen möchte. Daher schlägt Owen einen Deal vor: Wenn Thea seine Freundin spielt, darf sie das Bed & Breakfast für die Feier nutzen. Eigentlich der perfekte Handel, da echte Gefühle zwischen den beiden ausgeschlossen sind – oder?

Erste Leser:innenstimmen

„Ein wahrhaft charmantes Setting und zwei Protagonisten, die unterschiedlicher nicht sein könnten – das ist Lesegenuss pur!“
„Theas und Owens schlagfertigen Dialoge und die funkelnde Chemie machen diesen Liebesroman zu einem absoluten Must-Read.“
„Romantisch, humorvoll und voller Herz!“
„Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet eine Fake-Beziehung so fesselnd sein kann? Die Romcon ist wie eine Achterbahnfahrt der Gefühle, die mich von der ersten Seite an mitgerissen hat.“